Im Himmel gibt es keine Tränen

Erschöpft ließ sich Hope neben sie fallen. Er schüttelte sich die Ponyfransen aus dem Gesicht die ihm lustig in seine blauen Augen hingen. Er war ihr schon lange aufgefallen. Er schien ziemlich clean zu sein und irgendwie kam er immer an etwas zu essen. Viele wollten ihn in ihren Stamm ziehn, aber er war schon immer ein Einzelgänger gewesen. Seit Sunny ihn das erste mal hier gesehen hatte. Mehr als ein paar Worte hatten die zwei noch nie gewechselt. Damals als sie ziemlich fertig war von dem ganzen E-Pillen Zeug. Er fragte sie, ob er sie wohin bringen konnte. Es war das erste Mal das sie ihn hier gesehen hatte. Seitdem hatte er sie in ihren Bann gezogen. Seine Augen, aus denen die Hoffnung nicht verschwinden wollte. Vorgestellt hatte er sich nie. Sie hatte ihn einfach Hope getauft. Keiner wusste wie er hieß weder richtig noch Nickname. Aber Sunny war das egal. Hope war er und würde er bleiben. Sunny merkte wie sie hungrig auf sein Hände starrte. Ein Stück Brot lag locker in ihnen. Er lächelte sie an. „Magst du?“. Sie nickte, wollte nicht zu gierig wirken. Er sah ihr in die Augen. Ihr langen braunen Haare fielen ihr ins Gesicht als sie nach dem Brot griff. „Du sprichst nicht viel oder?“. Sie nickte wieder und gab sich Mühe das Brot nicht zu schnell herunter zu schlingen. Sie hatte heute keinen Lust gehabt zu Betteln. Der Tag war zu schön. Der erste richtige Sommertag. Die Strahlen schienen auf ihre Beine in den gestreiften Strumpfhosen und ihren schwarzen Rock. Die ausgelatschten Chucks hatten wirklich den Winter überstanden und der schwarze Pulli war auch noch ziemlich neu. Man konnte fast meinen, die Leute schmissen kaum wurde es Sommer alles Schöne weg. Sie merkte, dass er sie musterte. Fragend sah sie ihn an. „Du hast was besonderes an dir.“. Er lächelte. „Du scheinst so unnahbar und doch so... so...“ Er suchte nach dem richtigen Wort. „... so leicht zu beeindrucken.“. Sunny lächelte. Einfach so begann sie zu lächeln. Wie lange hatte sie schon nicht mehr gelächelt. Seit dem Tod ihres „kleinen Bruders“ Zack, der eigentlich gar nicht ihr Bruder war. Er war noch so jung, so unerfahren. Sie konnte nicht anders ihr begannen die Tränen über die Wangen zu laufen. Sie hinterließen helle Spuren auf ihrem Gesicht. Erschrocken rückte Hope näher. „Hey was ist los? Hab ich irgendwas falsches gesagt?“. Sie sah ihn an. Sah ihm tief in die Augen und schüttelte den Kopf. Sie spürte seine Hand an ihrer Wange und seinen Arm um ihre Schulter. „Wie heißt du nur?“ Er flüsterte. Es schien als würde er mehr mit sich selbst reden als mit ihr.
„So sieht das also aus, das Maul nicht aufbringen und dann bei ihm ausheuln!“. Vor Sunny stand Chicksy ihre Wasserstoffblonden Haare hingen zottelig über ihrer Schulter. Sunny wusste, dass sie auf Hope stand. Sie hätte sich jetzt am liebsten in Hopes Arme verkrochen, aber wenn man auf der Straße lebte musste man als erstes mal checken, dass man sich nichts gefallen lassen durfte. Hope wollte aufstehen aber Sunny hielt ihn zurück. Langsam erhob sie sich. Die Haare hingen ihr in den Augen. Sie richtete sich auf, streckte sich noch ein bisschen, dass sie größer wirkte und baute sich vor Chicksy auf. Mit einer schnellen Handbewegung wischte sie sich die Tränen weg und schüttelte lässig die Haare aus dem Gesicht. Dann hob sie langsam und bedrohlich ihren Kopf und starrte Chicksy durchdringlich und zornig in die Augen. „Was... was soll das?“ Chicksys Stimme zitterte „Meinst du jetzt ich ... ich geb auf?“. Sunny antwortete ihr nicht – schaute ihr nur weiter durchdringlich in die Augen. Chicksy wich einen Schritt zurück. „Du...du Hexe!“. Und dann rannte sie davon. Mit demselben Blick musterte Sunny die anderen von Chicksys Stamm und die taten es ihrer Anführerin gleich und rannten weg. Mit einem stummen Lächeln auf den Lippen drehte sich Sunny zu Hope um. Er schaute sie zugleich erstaunt als auch bewundernd an. „Wow!“. Sie grinste und ging wieder zu der Wand an der sie saß. Langsam ließ sie sich hinunter gleiten. Er setzte sich – immer noch erstaunt – neben sie. So saßen sie da, bis die Sonne hinter den großen grauen Hochhäusern fast verschwand. Er stand auf – sah zu ihr. „Kommst du mit?“. Sie nickte. Er half ihr hoch und gemeinsam liefen sie in den Sonnenuntergang.
Sie wusste nicht wieso aber irgendwie hatte sie das Gefühl ihm folgen zu müssen, er war ihre Hoffnung. Vielleicht ihre letzte. Vor einem ziemlich heruntergekommenen Fabrikgebäude blieb er stehen. Er nahm ihre Hand und vorsichtig lief sie hinter ihm her. Schlängelte sich vorbei an alten Maschinen und verstaubten Schreibtischen. Eine Treppe hinauf und durch ein Loch in der Bretterwand in einen kleinen dunklen Raum. Es roch modrig und nass. Hope führte sie vorsichtig durch das kleine Kabuff und drückte sie sanft auf eine Matratze. Die Angst kam hoch. Wie hatte sie nur so doof sein können. Verkrampft schlang sie die Arme um ihre Beine und wartete darauf, dass er wieder kommen würde. Er war schon eine Weile im dunklen Verschwunden. Sie zitterte am ganzen Körper und biss nervös auf ihrer Lippe herum. Auf einmal flackerte vor ihr eine Kerze. Hope stand verlegen rum. „Naja das is also meine Bude...“. Er lächelte unsicher. „Du kannst gern auf der Matratze schlafen, aber naja den Winter hat sie nicht so gut überstanden von wegen Wanzen und so!“ Sie musste grinsen. Verdammt wie hatte sie nur so böse denken können. Er wollte sie nie rumkriegen. Sie legte sich auf die Matratze und schloss die Augen. Bisher hatte sie immer nur draußen geschlafen, einmal in so einem komischen Obdachlosenheim, aber da wollten sie sie nur auch wieder in so ein komisches betreutes Wohnen schicken. Die Augen wurden ihr schwer und schließlich schloss sie sie erschöpft und schlief sofort ein.
Durch ein kleines Dachfenster fielen Sonnenstrahlen und kitzelten Sunny an der Nase. Langsam öffnete sie die Augen. Suchte nach Hope, aber der war nicht da. Draußen knarzten Bretter. Sie erschrak. Was wenn er sie verraten hatte? Man konnte auf der Straße keinem trauen. Die Schritte kamen näher und näher. Sunny schlich in die dunkelste Ecke. Kauerte sich in die Spalte. Bitte lass das sie mich nicht sehen. Sie betete. Hielt die Luft an, als sich die losen Bretter wegschoben. Sie sah die Umrisse der Person. Groß, kräftig mit etwas in der Hand. „Bist du da?“. Hope. Er stand da. Alle Spannung wich aus ihrem Körper und sie sackte in der Ecke zusammen. Hope legte das etwas auf die umgedrehte Kiste und eilte herbei. „Hast du etwa gedacht ich verrate dich?“. Verletzt sah er sie an, half ihr dann aber auf die Beine und führte sie zu der Matratze. „Ich hab uns was zu Essen besorgt!“. Er deute auf die Tüte und setzte sich dann neben Sunny. Er sah immer noch ziemlich geknickt aus, als er Sunny ein Brötchen gab. „Tut mir leid“. Sie flüsterte, das Sprechen fiel ihr schwer. Wie lange hatte sie schon nicht mehr geredet, seit seinem Tod? Sie hatte seit dem keiner Person mehr vertraut. Erstaunt drehte sich Hope zu ihr um und der Mund blieb ihm offen stehen. Und dann brach es aus ihr heraus, dass ihr „kleiner Bruder“ vor einem Jahr an Hunger gestorben war und sie daran Schuld war, dass ihr Vater sie missbraucht hatte und alles. Als sie geendet hatte, sah Hope sie einfach nur noch an und nahm sie in den Arm. Dann stand er auf, nahm ihre Hand und führte sie aus dem Verschlag hinauf, immer weiter, bis sie auf dem großen Flachdach standen. Ein paar Penner hingen hier rum und beachteten sie nicht weiter. Er suchte sich eine abgelegene Ecke und zeigte ihr die Stadt. Die von hier oben so friedlich aussah. „Mir sollte es leid tun!“. Sie schüttelte den Kopf. „Nein Hope... du kannst nichts dafür.“. „Hope?“ Fragend sah er sie an. Sie musste lächeln. „Ja so hab ich dich genannt, Hoffnung es passt zu dir!“. „Und wie heißt du?“. „Sunny – Zack nannte mich immer so.“ Er legte den Arm um sie und gemeinsam blickten sie über die Stadt. „Ich hab Hunger – komm!“ Gemeinsam gingen sie nach unten auf die Straße und blieben vor einem Restaurant stehen. Sunny ließ sich an der Wand nach unten gleiten und wartete auf Hope. Und langsam begann sie zu singen.
Would you know my name if I saw you in heaven?
Would it be the same if I saw you in heaven?
I must be strong and carry on,
Cause I know I don't belong here in heaven.

Die Leute die vorbei hasteten sahen sie komisch an, einige blieben stehen. Sahen ein verlorenes höchstens 16 jähriges Mädchen. Mit glockenreiner Stimme ein Lied vom Tod singen. Münzen fielen vor ihr auf den Boden und immer mehr Leute drängten sich um sie.
Beyond the door there's peace I'm sure,
And I know there'll be no more tears in heaven.

Hope schob sich durch die Mengen und blieb erstaunt vor ihr stehen. Die Leute rückten nicht von ihm weg, sie waren fasziniert.Cause I know I don’t belong here in heaven.

Langsam öffnete Sunny die Augen und erschrak. Alle starrten sie an. „Sunny...“ Hope suchte nach Worten, entschloss sich dann aber doch auf sie zuzurennen und umarmte sie. Die Leute um sie herum erwachten wieder, liefen weiter und der Alltag hatte sie wieder. In ein paar Stunden würden sie das seltsame Mädchen wieder vergessen haben. Nur ein Mann blieb stehen. Er hatte etwas von einem guten Onkel. Er war bestimmt schon an die 60 und sah Sunny immer noch erstaunt an. Genauso erstaunt sah Sunny ihn an. Hope blickte zwischen den beiden hin und her. „Thalie?“ „Grandpa! Er hat gesagt du wärst tot...“ Sunny sprang auf und umarmte den alten Mann. Sie weinten. Beide. „Hope... das ist mein Großvater!“. Ein Lächeln huschte über ihr tränennasses Gesicht. Sunnys Grandpa zitterte und hielt ihm die Hand hin. Hope schüttelte sie. Sie war schweißnass. Der Mann konnte sein Glück nicht fassen. Er stand immer noch bewegungslos da die Augen starr auf Sunny gerichtet. „Thalie, bitte komm nach Hause. Zu Grandma und mir... ich bitte dich!“. Sunny sah zu Hope. Der zuckte nur mit den Schultern. „Wenn Hope mitkommen kann.“ Der Mann streifte Hope mit einem Blick. „Mir ist alles Recht Hauptsache du kommst heim.“ Er gab ihr einen Zettel mit einer Adresse und etwas Geld. „Kommt so schnell wie möglich! Er wird nicht da sein ich versprechs dir!“ Dann umarmte er Sunny und auch Hope. „Ich habe mir schon immer einen Enkel gewünscht!“ Er lächelte. Hope lächelte.
Gemeinsam schlenderten Sunny und Hope zurück. „Wirst du mitkommen?“ „Was bleibt mir denn anderes übrig. Ich hab doch jetzt einen Großvater!“. Hope blieb auf der großen Brücke stehen. Sah auf das Wasser hinunter. „Ich hatte noch nie eine Familie!“ Sunny fasste nach seiner Hand. Zog ihn zu sich heran. „Jetzt hast du eine.“ Vorsichtig küsste sie seine Lippen. „Ich liebe dich, Hope.“ Er sah sie an. Eine Träne rannte über seine Backe. „Ich liebe dich, Sunny.“

Simi, 2006



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